Aus der Medical Tribune

Orthomolekulare Medizin
Vitamine sind Medikamente

WIEN - Die Orthomolekulare Medizin ist eine regenerative und präventive Medizin, die mit Originalbausteinen arbeitet. Der Organismus soll damit Strukturen regenerieren oder deren Abbau hemmen. Dabei können „harmlose" Vitamine mitunter heftige Reaktionen auslösen.

<< Wer sich mit Orthomolekularer Medizin beschäftigt, wird rasch damit konfrontiert, viele gängige Einstellungen in Frage zu stellen: Sind Vitamine bloß harmlose Nahrungsergänzungsmittel? Wenn sie nicht helfen, dann schaden sie auch nicht? Dass Vitamine vielfach wie Medikamente handzuhaben sind, sieht man besonders am Vitamin B3.

Vitamin B3 hat es in sich

<< Im Rahmen einer Ärzteausbildung zeigte sich im Selbstversuch mit 50 oder 100 mg Vit. B3, dass der typische Flush sehr ausgeprägt sein kann. Daher sollten Patienten Vit. B3 das erste Mal in der Arzt-Praxis einnehmen und zwei Stunden beobachtet werden. Denn erleben Patienten diesen Flush zu Hause unerwartet und bekommen zusätzlich noch Angst, könnte ein Notarzt-Einsatz mit einer Anaphylaxie-Behandlung die Folge sein. Auch ist die Reaktion nicht kalkulierbar: Bei manchen tritt der Flush nach 5, bei anderen erst nach 45 Minuten ein. Daher muss die Orthomolekulare Medizin sehr individuell sein. Die konventionelle Medizin ist auf konforme Patientengruppen eingeschworen: „Die gibt es aber nicht. Die Pharmakokinetik richtet sich nach dem Stoffwechsel des Patienten", so Dr. SIEGFRIED SCHLETT aus München.

<< Vit. A gehört zu den fettlöslichen Vitaminen, die kumulieren und überdosiert werden können. Daher verabreicht man besser das Pro-Vitamin β-Karotin, das der Organismus nach Bedarf in Vitamin A umwandelt. So können Überdosierungen vermieden werden. Für Vit.A werden zwei Nebenwirkungen berichtet: die Zunahme der Osteoporose-Neigung und eine mögliche teratogene Wirkung. Dr. Schlett berichtet von einer Frau, die in der Schwangerschaft „nur“ ein Multivitamin genommen hatte, das Kind wies jedoch Missbildungen an Fingerendgliedern und Beinen auf. Vit.A wurde daher in den Multivitaminen für Schwangere reduziert.

<< Vitamin A hat keinen großen Therapiespielraum. Sobald die Dosis über einen längeren Zeitraum zu hoch ist, kommt es zu Hauttrockenheit und Kopfschmerzen. Die Symptome verschwinden nach Absetzen des Vit. A. Dazu kommt, dass die Herstellung im industriellen Großmaßstab Konservierung, Stabilisierung und damit chemische Zusätze erfordert. Daher ist es fraglich, ob Vit. A das Problem darstellt oder diese Zusatzstoffe. Aus der Molekülstruktur ist die Teratogenität für Dr. Schlett nicht erklärbar.

<<Auch Dr. RAINER SCHROTH, Obervellach/Kärnten, bekundet seinen Respekt vor Vit. A. Alkohol erhöht die Vit.-A-Spiegel im Blut, und z.B. bei Hormonersatztherapie oder oraler Kontrazeption werden ebenfalls die Leberspeicher in einem höheren Ausmaß entleert. Solchen Personen ein Präparat zu geben, in dem Vit. A enthalten ist, wäre ein Fehler. Dr. Schroth verwendet keine Multivitaminpräparate, in denen reines Vit. A enthalten ist, ohne vorher zu analysieren, ob tatsächlich ein Defizit besteht. Multivitaminpräparate enthielten früher 8000 bis 10000 IE Retinol, heute nur mehr 2.500 bis 3.000 IE. Allerdings findet man bei Kleinkindern sehr häufig Vitamin-A-Defizite, so Dr. Schroth, die sehr leicht, beispielsweise mit Oleovit A-Tropfen (gut steuerbar und sehr kostengünstig) auszugleichen sind. Selbst das Vorkommen von Vitamin A in Lebensmitteln ist problematisch. Bei Untersuchungen in acht europäischen Ländern fand man zwischen 3600 und 250000 IE je 100 g frischer Leber. Nährstofftabletten geben oft nur den Gehalt von Vitaminen wieder, sagen aber nichts über die Bioverfügbarkeit, Produktherkunft usw.

Zusammenhänge beachten

<< Wer mit orthomolekularen Substanzen arbeitet, sollte über die vielfach komplexen Zusammenhänge Bescheid wissen. Wird zum Beispiel Vit. A bei Zink-Defizit (30 bis 40 % der Patienten) eingenommen, so ist das insuffizient, weil die Synthese des Vit.-A-bindenden Proteins (RBP-PA-Komplex) in der Leber Zink-abhängig ist. Zink ist daher ebenfalls zu bestimmen und nötigenfalls begleitend zu geben. Bei Vit.A-Mangel ist eine hypochrome Anämie nur schwer therapierbar, mit Zugabe von Vit.A ist diese Situation zu korrigieren.

<< Glutathion beispielsweise, so Dr. Schlett, sei eine phantastische Substanz. In jeder Zelle besteht Bedarf an Glutathion, es wird allerdings im Magen verdaut, bevor es aufgenommenw erden kann. „Antioxidanzienkapseln, in denen auch Glutathion enthalten ist, sind nur teuer, die können Sie aber getrost wegwerfen. Denn der Magen zerstört das Molekül, wenn nicht eine Magensaft-resistente Galenik vorliegt.“

<< Die Gabe von NADPH2 wird in der Literatur bei M. Parkinson, zur Verhinderung präseniler Demenz, als Antioxidans empfohlen. Die Hauptproblematik liegt in der Molekülgröße. Die magensaftresistente Galenik des NADPH2 hilft nicht bei der Aufnahme durch die Mucosa, die große und komplexe Moleküle nicht resorbieren kann. Der Organismus zerstört NADPH2 so lange, bis es die Größe hat, um resorbiert zu werden. Das übrig bleibende Molekül ist die Nicotinamid-Ribose. Diese wird aufgenommen, kostet in dieser Form jedoch weniger als 10 % des NADPH2.

.. (RH)

Basisausbildung Orthomolekulare Medizin,
Seminar B, Juni 2003, Wien;
Info: ÖGOM, 1040 Wien, Schwarzenbergplatz 10/I/12, Tel. 01/505 73 51


(Aus: Medical Tribune, 35. Jahrgang, Nr. 27, 10. September 2003)


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