Eine Metaanalyse ist noch lange keine seriöse Metaanalyse,
auch wenn Metaanalyse draufsteht
Leserbrief von Dr. Rainer Schroth zu
„Kalzium gefährdet Blutgefäße“ von Univ. Prof. Dr. Heinz F. Hammer
in Medical Tribune, Nr. 44 vom 03. November 2010
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An die Redaktion Medical Tribune
Betrifft: „Kalzium gefährdet Blutgefäße“ von Univ. Prof. Dr. Heinz F. Hammer in Medical Tribune, Nr. 44 vom 03. November 2010
Sehr geehrte Redaktion,
Ich ersuche höflichst, folgende Stellungnahme bzw. Berichtigung als Leserbrief zu veröffentlichen, da der erwähnte Beitrag geeignet erscheint, eine große Anzahl Ärzte zu verunsichern, zumal die plakativ getroffene Aussage von Prof. Hammer falsch ist, wie ich nachfolgend begründen werde. Ich hoffe dass Sie so fair sind, diesen Leserbrief, auch wenn Herr Prof. Hammer Berater des Herausgebers ist, nicht zu „schubladisieren“.
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Sehr geehrter Herr Univ. Prof. Dr. Heinz F. Hammer,
Ich nehme Bezug auf ihren Bericht, in welchem sie meiner Meinung nach unkritisch, unwissenschaftlich und ohne zu hinterfragen etwas abgeschrieben zu haben scheinen. Ein solches Vorgehen ist von der Laienpresse durchaus bekannt, eine Überschrift, ein paar Zeilen dazu und schon ist die sensationelle Schlagzeile fertig. So sollte jedoch ein Kommentar unter der Rubrik „Wissenschaft für die Praxis“ meines Erachtens nicht aussehen, denn falsche Aussagen führen in die Irre und haben mit Wissenschaft nichts zu tun.
Ich will das begründen und verweise in dem Zusammenhang auf die Stellungnahme der Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft (AkdÄ), Fachausschuss der Bundesärztekammer, Berlin vom 24.09.2010 zu dieser Studie von Bolland et.al.
Schon im Jahre 2008 wurde von derselben Autorengruppe eine Studie zu den Effekten einer Kalziumsubstitution auf Knochendichte und Frakturinzidenz nachträglich hinsichtlich kardiovaskulärer Ereignisse ausgewertet. Die Bewertung der AkdÄ sieht folgend aus:
„Diese Auswertung von Bolland et al. muss jedoch mit Vorsicht interpretiert werden, da die in dieser Studie durchgeführte Post-hoc-Analyse von Ergebnissen mit nachträglicher Einführung eines neuen, zusammengesetzten Endpunktes nur eine Hypothesenformulierung, jedoch keine sichere Aussage erlaubt.“
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Von Bolland et al. wurde nun eine neue Metaanalyse zum kardiovaskulären Risiko von Kalzium veröffentlicht. Im Abstract werden 15 Studien und insgesamt 20.000 Teilnehmer angegeben.
Dazu wiederum der Kommentar der AkdÄ:
„Aus Sicht der AkdÄ müssen die Ergebnisse dieser Metaanalyse aufgrund methodi-scher Mängel jedoch kritisch hinterfragt werden. So ist z. B. die Angabe im Abstract falsch, dass die Metaanalyse auf 15 Studien basiert. Es werden zwar 15 Studien identifiziert, die die Einschlusskriterien erfüllen, da aber für vier dieser Studien keine Information zu kardiovaskulären Outcomes vorhanden sind, beruht die Metaanalyse maximal auf 11 Studien. In fünf dieser elf Studien trat weder in der Kalzium- noch in der Placebogruppe ein Myokardinfarkt auf, sodass die Autoren die Analyse für den Endpunkt Myokardinfarkt nur anhand von sechs Studien durchführen konnten. Da Studien ohne Ereignisse („zero events“) nicht eingeschlossen wurden, kann das Gesamtergebnis in Richtung einer Risikoerhöhung (hier eines Myokardinfarkts) verschoben worden sein (6).
Für fünf der Studien, die in die Metaanalyse zum Myokardinfarkt eingingen, lagen die individuellen Patientendaten vor. In den Originalpublikationen einiger dieser fünf Studien finden sich Abweichungen zu den in der Metaanalyse genannten Zahlen zu aufgetretenen Ereignissen wie Todesfällen, Herzinfarkten und Schlaganfällen. Da die Autoren der Metaanalyse nicht auf diese Abweichungen eingehen und sie plausibel erklären, bleiben Fragen offen.
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In keiner der in die Metaanalyse eingeschlossenen Studien waren Ereignisse wie Myokardinfarkt, Schlaganfall oder Tod ein primärer Endpunkt. Die Studien wurden vielmehr vorwiegend mit Osteoporoseendpunkten durchgeführt (Knochendichte, Frakturinzidenz, „low-trauma fracture“), eine Studie auch mit dem Endpunkt kolorektales Adenom.
Zu anderen Ergebnissen als die Metaanalyse von Bolland et al. kommt eine ebenfalls in diesem Jahr publizierte randomisierte, placebokontrollierte Studie bei älteren australischen Frauen (Alter: 75,1 ± 2,7 Jahre). Diese Untersuchung hatte als kombinierten primären Endpunkt Tod oder erstmalige Hospitalisierung aufgrund athero-sklerotischer vaskulärer Erkrankung unter Kalziumsubstitution im Vergleich zu Placebo. Ein Unterschied im Risiko für den primären Endpunkt zeigte sich zwischen der mit Kalzium behandelten und der Placebogruppe nicht.
Zusammenfassend ist aus Sicht der AkdÄ aufgrund der bislang vorliegenden Daten ein erhöhtes Risiko für Myokardinfarkte durch Kalziumsupplemente nicht ausreichend belegt.“
Sehr geehrter Herr Prof. Dr. Hammer, man kann nach wissenschaftlichen Kriterien weder ihre Schlagzeile „Kalzium gefährdet Blutgefäße“ noch Ihre kommentarlose Weitergabe „..dass die Einnahme von Kalziumpräparaten das Risiko für Herzinfarkte um 30 % erhöht….“ gelten lassen.
In diesem Sinne einmal mehr der Hinweis auf die sicher überzogene Formulierung, „trauen sie keiner Studie, die ….“ und an Sie, sehr geehrter Herr Prof. Hammer, eine Metaanalyse ist noch lange keine seriöse Metaanalyse, auch wenn Metaanalyse draufsteht. Nichtsdestotrotz schätze ich ihre Beiträge, werde sie in Hinkunft jedoch etwas kritischer lesen.
Mit kollegialem Gruß aus Kärnten
Dr. Rainer Schroth
Arzt für Allgemeinmedizin
Ärztlicher Leiter der Schrothkur
9821 Obervellach
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